Plötzlich für zwei Leben verantwortlich

Ihr Partner ist von einem Moment auf den nächsten gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Für Silvia Rost eine grosse Belastung: Seit Monaten koordiniert und organisiert sie nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihres Mannes Daniel. Eine Begegnung.

Ihm ist schlecht. Der Zug nähert sich Luzern, bald sind sie zu Hause. Eine Magenverstimmung, vermutet seine Frau. Womöglich hat er in Bergamo etwas Falsches gegessen. Schade, dass das Osterwochenende mit Freunden in Italien so endet. In Sursee angekommen, schlägt sie einen Spaziergang mit dem Hund vor. Ein wenig frische Luft. Vielleicht hilft’s. «Ich lege mich lieber hin», sagt er. Als sie zurückkommt, hört sie ihn erbrechen. Was hat er bloss gegessen, das ihm so nicht bekommt? Sie legt ihm Tabletten gegen Übelkeit hin.

Etwas ist seltsam. Sie macht das Licht an. Er sitzt im Bett, in der linken Hand die Tablettenschachtel, der rechte Arm regungslos. «Dani, was ist los?» Er will etwas sagen. Sie springt auf, packt ihn an den Schultern, schüttelt ihn: «Du sagst mir jetzt sofort, was los ist.» Er antwortet nicht. Er kann nicht mehr sprechen.

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Daniel Rost ist 55 Jahre alt, als er am 3. April 2018 einen schweren Schlaganfall mit zusätzlicher lebensbedrohender Hirnschwellung erleidet. Er ist alles andere als ein typischer Hirnschlagpatient, lebt gesund, raucht und trinkt nicht, liebt seine Familie, seinen Beruf und macht viel Sport. 

Nach einem Hirnschlag muss Daniel Rost vieles wieder neu lernen. Unterstützt von seiner Familie, findet er allmählich ins Leben zurück.

Lernen, zu schlucken

Es ist nicht das erste Mal, dass Silvia Rost die Geschichte erzählt. Sie atmet tief durch. Es fällt ihr schwer. Neun Monate sind vergangen seit jener Nacht, in der sich das Leben ihres Ehemannes und ihr eigenes komplett verändert haben. Wir sitzen in der Cafeteria des Neurozentrums am Luzerner Kantonsspital. Es ist ein Dienstagmorgen, das neue Jahr noch jung. Silvia Rost hat ihren Mann Daniel eben in die Therapie gebracht. Seit September 2018 geht dieser mehrmals pro Woche in die Physio-, Ergo- und Sprachtherapie im Neurozentrum (Informationen auf Seite 2). Davor war er knapp sechs Monate in der stationären Neurorehabilitation in Behandlung.

Daniel und Silvia Rost mit Hündin Sina

Halten seit über 30 Jahren zusammen: Daniel und Silvia Rost – hier auf einem Spaziergang mit Familienhündin Sina.

Die Ärzte gaben Dani eine Überlebenschance von 50 Prozent.»

Silvia Rost

Silvia Rost ist eine Person, die man sofort ins Herz schliesst: sympathisch, offen, herzlich. Obwohl die 54-Jährige eine sehr schwierige Zeit hinter sich hat, lächelt sie oft, wenn sie über die vergangenen Monate und ihren Mann spricht. Nach Daniel Rosts Schlaganfall mit Hirnschwellung entfernen die Ärzte ihm noch am gleichen Tag in einer Operation am Luzerner Kantonsspital einen Teil der Schädeldecke zur Druckentlastung. Knapp zwei Wochen liegt er nach dem Eingriff auf der Intensivstation. Es sind kritische Tage. «Die Ärzte gaben ihm eine Überlebenschance von 50 Prozent», sagt Silvia Rost.

Sie nimmt ihr Handy, scrollt durch die Bildergalerie und zeigt ein Foto von Daniel, wie er im Spitalbett liegt, überall Schläuche. Dann eines von ihm im Rollstuhl, die beiden Töchter Martina und Olivia sowie Hündin Sina an seiner Seite. Aufgenommen wurde es Anfang Mai des letzten Jahres, als Daniel bereits in der Reha war. Zu diesem Zeitpunkt hat er gerade erst wieder gelernt, selbstständig zu schlucken. Laufen und sprechen kann er noch nicht. Und seine Familie – seine Frau Silvia wird es erst später erfahren – erkennt er damals nicht.

Eine Kämpfernatur

Kaum zu glauben, dass uns wenig später und zwei Etagen höher eben dieser Mann mit einem freundlichen Lächeln begrüsst. Daniel Rost wirkt ganz anders als auf den Bildern, vitaler, selbstbewusster. Sprechen fällt ihm aufgrund seiner Aphasie (Sprachverlust) nach wie vor schwer, und der rechte Arm ist gelähmt. Doch Daniel führt uns zielstrebig und ohne Gehhilfe zu seiner Ergotherapeutin. Die beiden spielen ein klassisches Memory, es soll seine Merkfähigkeit trainieren. Er ist motiviert. Wenn er das falsche Kärtchen umdreht, ärgert er sich. In solchen Momenten greift sich Daniel jeweils an die Stirn und schüttelt den Kopf. «Es ist wahnsinnig, was Dani für Fortschritte gemacht hat», sagt Ehefrau Silvia. Sie hat Tränen in den Augen. Immer wieder blickt er von seinem Spiel auf und schaut Silvia an. Selbst Aussenstehenden wird klar: Die zwei sind ein richtig gutes Team.

Überhaupt hadert Familie Rost nicht mit der schwierigen Situation. Silvia und die Töchter Martina und Olivia glauben von Anfang an daran, dass sich Daniel erholen wird. Sie kennen ihn, er ist ein Kämpfer. «Dani war immer ein optimistischer und willensstarker Mensch», erzählt Silvia Rost, «das gab auch uns Zuversicht.» Wie sie selbst in den ersten Wochen nach dem Schlaganfall funktionieren konnte, weiss sie nicht genau. Aber: «Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass es nicht weitergeht. Sogar als in jener Nacht die Ambulanz kam, spürte ich tief in mir, dass es wieder gut kommt.»

Viel Unterstützung erhält die Familie aus ihrem Umfeld: Verwandte und Freunde kommen regelmässig zu Besuch, sind für Silvia und die Töchter da und fahren Daniel zur Therapie. Für Silvia eine grosse Entlastung, so kann sie als medizinische Praxisassistentin zwei Tage pro Woche arbeiten gehen. Das tue ihr gut, sagt sie, sie komme auf andere Gedanken. Obwohl ihr Mann mittlerweile wieder vieles selbstständig machen und einige Stunden alleine zu Hause sein kann, ist die Belastung für sie nach wie vor enorm. Sie organisiert und koordiniert alles: «Ich führe momentan zwei Leben.»

Dankbar für die persönliche Ansprechpartnerin der CSS

Eine grosse Unterstützung für das Ehepaar Rost ist seine persönliche Patientenbegleiterin Irma Marti. Die Care-Managerin der CSS Versicherung steht seit Daniel Rosts Schlaganfall in engem Kontakt mit dessen Frau Silvia, telefonisch und per E-Mail. Als direkte Ansprechpartnerin erkundigt sie sich fast wöchentlich, wie es ihnen geht, übernimmt Abklärungen bezüglich medizinischer Betreuung und Kostendeckung und begleitet die Rosts zu Gesprächen mit Ärzten und Therapeuten. «Die Unterstützung durch Frau Marti ist unglaublich wertvoll für uns – wir sind sehr dankbar, dass sie sich so gut um uns kümmert und uns so vieles abnimmt», betont Silvia Rost.

Auch für die Care-Managerin Irma Marti ist dieser Fall etwas Besonderes. «Ich bewundere die beiden dafür, dass sie immer das gesehen haben, was wieder geht, und nicht das, was nicht mehr geht», sagt die gelernte Pflegefachfrau. Sie steht seit fünf Jahren als persönliche Patientenbegleiterin der CSS Betroffenen und Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite. Das Wohl der Patienten ist für Irma Marti stets das Wichtigste – selbst wenn sie häufig die Rolle als Vermittlerin einnehmen muss. «Wir Care-Manager stehen klar auf Patientenseite und wollen die Betroffenen so gut wie möglich unterstützen, auch in finanzieller Hinsicht», sagt sie. Ihr persönliches Ziel für Daniel Rost: Er soll weiterhin von möglichst vielen Therapien profitieren und sich weiterentwickeln können, sodass er in Zukunft einer geeigneten Alltagsbeschäftigung nachgehen kann.

Die Dienstleistung «Persönliche Patientenbegleitung» steht allen Versicherten der CSS kostenlos offen.

Schritt für Schritt weiter

Mit seinem Willen und seiner Ausdauer beeindruckt Daniel Rost auch die Therapeutinnen und Therapeuten der Neurorehabilitationsklinik am Luzerner Kantonsspital. Trotz starker Beeinträchtigungen will er stets weitere Fortschritte machen, sei es in der Sprachentwicklung, der Konzentrationsfähigkeit oder der Mobilität. Michèle Häberli, Ergotherapeutin und Klinikmanagerin der ambulanten Neurorehabilitation, sagt: «Daniel Rost war trotz seines schweren Schicksals immer positiv und bereit, mit vollem Einsatz an seinen Defiziten zu arbeiten.» Das übergeordnete Ziel der verschiedenen Therapien im Neurozentrum sei es, dass die Betroffenen die grösstmögliche Selbstständigkeit zurückerlangten. «Ich bin überzeugt, dass Herr Rost sich kognitiv und sprachlich weiter verbessern wird, auch nach seiner Zeit bei uns in der Tagesklinik.»

Daniel Rost in der Physiotherapie

Daniel Rost hat dank seiner sportlichen Vergangenheit ein ausgeprägtes Körperbewusstsein. Das kommt ihm in der Physiotherapie zugute.

Vor den kommenden Monaten, wenn ihr Mann die Tagesklinik verlässt und «normale» Therapiesitzungen besucht, hat Silvia Rost Respekt. Knapp vier Wochen nach der ersten Begegnung treffen wir uns erneut, dieses Mal zu dritt und im «Stadtcafé» in Sursee, dem Wohnort des Ehepaars. «In der Reha war Dani sehr gut aufgehoben, es wird eine Umstellung, wenn er bald jeden Tag zu Hause ist», vermutet Silvia. Zu weit in die Zukunft blicken möchte sie nicht; die Zuversicht jedoch ist nach wie vor da. Bestimmt werde es eine Lösung geben, «einfach Schritt für Schritt wie bisher, wir haben schon so viel erreicht zusammen».

Dani war immer ein optimistischer und willensstarker Mensch. Das hat auch uns Zuversicht gegeben.»

Silvia Rost

Einer der schönsten Erfolge ist, dass Daniel Rost heute wieder auf dem Tennisplatz stehen kann. Der passionierte und talentierte Tennisspieler – Daniel gehörte früher zu den 300 besten Spielern der Schweiz – schlägt mit seinen Freunden des TC Sursee mittlerweile wieder einfache Bälle, mit links statt mit rechts zwar, doch immer noch mit der gleichen Begeisterung und demselben sportlichen Ehrgeiz wie vor dem Schlaganfall. «Wenn Dani auf dem Platz steht, ist er überglücklich», erzählt Silvia. Und weil Martina und Olivia die Freude am Tennis von ihrem Vater geerbt haben, dürfte die Tennisanlage in Sursee schon bald wieder zu einem wichtigen Treffpunkt der Familie werden.

Gut mit Menschen

Die Rosts sind gerne aktiv und verbringen viel Zeit draussen in der Natur. Daran hat Daniel Rosts Hirnschlag nichts geändert. Die Familie ist oft unterwegs, auch Daniel will sich nicht verstecken. Kennengelernt haben er und Silvia sich in der Sekundarschule. Sie sind Klassenkameraden, doch Silvia interessiert sich nicht für den «Typen mit den langen, komischen Haaren». Sie lacht. Der Funke springt erst, als die beiden Anfang 20 sind. 1990 wird geheiratet, ein Jahr später kommt Martina zur Welt, zwei Jahre danach Olivia. Hündin Sina und Kater Jerry komplettieren die Familie. 

Hinter uns geht die Tür auf, drei Jugendliche kommen ins «Stadtcafé». Einer von ihnen, er muss um die 17 Jahre alt sein, steuert direkt auf Daniel Rost zu und umarmt ihn herzlich. «Es ist so schön, dich zu sehen! Wie geht es dir?» Dabei hält der junge Mann Daniel an der Schulter fest. «Gut», antwortet dieser und lächelt sichtlich gerührt. Silvia berichtet, dass derartige Momente oft vorkommen. Vor seinem Schlaganfall hat Daniel neben seinem Job als Buchhalter und Personalverantwortlicher bei der Egli Gartenbau AG Sursee jahrelang Tennisjuniorinnen und -junioren trainiert und gecoacht. Viele dieser Junioren wie auch seiner Arbeitskollegen haben ihn im Spital oder zu Hause besucht, der frühere Trainer und Mitarbeiter ist überall beliebt. «Du kannst es ja auch gut mit Menschen», sagt Silvia zu ihrem Mann und drückt seine Hand.